Um ihre wichtigen Beitrag für die kulturelle Entwicklung Europas zu ermessen, muss man nicht bis zu Orpheus, dem legendären thrakischen Königssohn, zurück gehen, der in den Rhodopenwäldern mit seinen Gesängen die Umgebung verzauberte und so der Überlieferung nach auf späterem bulgarischen Boden die abendländische "Lyrik" begründet hatte (benannt nach seinem Spiel auf der Leier). Es genügt allein die Betrachtung des über tausendjährigen bulgarischen Schrifttums, das schon früh Gipfelleistungen hervorbrachte, aber auch lange politisch bedingte Flauten erleben musste. Eine angemessene Würdigung der überaus reichen Literatur Bulgariens steht zumindest im "alten Europa" noch immer aus.
Bereits im frühen 10. Jahrhundert erreichten christlich geprägte Werke in der altbulgarischen (altkirchenslavischen) Sprache eine bemerkenswerte Blüte. Das Altbulgarische war zuvor von den Brüdern Kyrill und Methodius für die bulgarischen Christen als dritte Sakralsprache nach Griechisch und Latein schriftlich fixiert worden. Die spirituellen Leistungen der altbulgarischen Schriften wirkten von Bulgarien aus auf die Nachbarländer und die Kiever Rus’, die Wiege des heutigen Russland, die über 100 Jahre später ebenfalls das Christentum annahm und dabei das geistliche Gedankengut nicht von den Griechen, sondern von den Bulgaren in der altbulgarischen Form übernehmen konnten. Im mittelalterlichen Bulgarien waren es zudem mystische christliche Bewegungen, v.a. aber auch die manichäischen Bogumilen, die durch Wort und Schrift einen Einfluss auf die gesamte Balkanregion bis nach Westeuropa ausübten, der teilweise bis heute wirksam ist.
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