In der Basis jeder Ideologie steckt die Manipulation, deren Passivität oder Aktivität von den Anhängern oder sozusagen dem Umfang abhängig ist. Dieser quantitative Aspekt ist natürlich mit der Qualität verbunden (in diesem Fall: die Effektivität– je argumentenreicher eine Ideologie ist, desto mehr Anhänger bekommt sie).
Wenn die Kategorie Ideologie der Kategorie Manipulation gleichgestellt wird, so verwende ich sie als Synonyme in diesem Text.
Als a priorischer Begriff kann die Ideologie in der Literatur die Hauptidee eines Werkes sein, die den Sinn und die Ziele bildet- der Denkkeim und die Grundlage einer zukünftigen Manipulation, die sich in a posteriorischem Aspekt auf die Macht der Wörter und die lexikalischen Ausdrucksmittel stützt. Die Effektivität ist nicht immer von dem Umfang abhängig.
Die Auffassung, dass die Manipulation eine negative Form psychologicher Wirkung wäre, ist weit verbreitet. Ich nehme diesen Standpunkt an, weil die genug wirkende Manipulation jemanden so beeinflussen kann, dass er durch die propagandierende Meinung und Weltvorstellung zu denken beginnt. Positiver Aspekt finde ich darin, dass gut säende Ideologie zu bejahenden Folgen führen kann (sogar geistige Werte bilden oder entwickeln).
Im Bezug dazu sind die berühmtesten (dessen Namen und Werke am meisten verbreitet sind) Autoren die manipulativsten - je mehr die Ideen verbreitet sind, doch mehr werden sie verbreitet und haben bedeutende Wirkung auf die Gedanken und Aktivitäten des Lesers und dadurch auf die Gedanken und Aktivitäten der Gesellschaft.
Die Literatur in Bulgarien und ihre manipulative Rolle?
Die Altbulgarische Literatur ist die Anfangsetappe in der Entwicklung der bulgarischen Literatur, die Grundlage der Literaturtraditionen- nicht nur durch die Bildung einer Literaturschprache, sondern auch durch die Formung besonderer Sinnkerne und künstlerischer Gestalten, also ist diese Etappe die wichtigste und natürlich die manipulativste- die Entstehung der altbulgarischer Literatur ist eine Folge des Christentums, die zu dieser Zeit neu in Bulgarien war. Als die Bulgaren eine neue Religion (d.h. auch eine neue Ideologie) übernehmen, übernehmen sie eine neue Weltgestaltung. Wodurch? Durch die Literatur.
Noch im 9. und 10. Jahrhundert setzten die beiden Brüder Hl. Kyrill und Methodi und deren Schüler die Einführung der slawobulgarischen Schrift und Sprache als dritte kanonische Stütze zum Predigen des Christentums durch. Die altbulgarische Literatur zeichnete sich durch eigene Spezifik und Funktionalität aus, indem sie sich im Rahmen des byzantinischen Kulturkreises entwickelte. Glaubensliteratur ist die kürzeste und die prägnanteste Bezeichnung für die ästhetische und geistige Suche solcher Autoren wie Kliment Ochridski, Tschernorisez Hraber, Präsviter Cosma, Evtimii Tarnovski, Grigorii Zamblak. Ihre Werke und geistige Autorität tragen dazu bei, dass nicht nur die bulgarische Kultur, sondern auch die Kultur der anderen slawischen und nicht slawischen Völker – Russen, Serben, Rumänen – vollständig in den europäischen Zivilisationsgrenzen anerkannt werden. Diese Etappe zeigt, dass die altbulgarische Literatur nicht nur die Bulgaren beeinflusste, sondern auch andere Völker mit verschiedener Kultur, also ist sozusagen der Koeffizient der Manipulationseffektivität wirklich hoch.
Die Literatur der neueren Zeit (18. u. 19. Jhd.) ist stark von den Prinzipien der ethnischen Konsolidation und dem Entstehen des bulgarischen Staates nach 5 Jahrhunderten osmanischer Herrschaft geprägt. Autoren wie Paisij Chilendarski, Hristo Botev, Ljuben Karavelov, Ivan Vasov verfassen Werke, die eng mit der nationalen Sache verbunden sind- die erfolgreichste Methode das Volk zu beeinflussen. Sie problematisieren die Themen der Unterdrückung und der Freiheit, des Heldentums und des Verrates, der Geschichte und der Sprache- die wirklich Wichtigste zu dieser Zeit. An der Grenze zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert ändert die bulgarische Literatur ihren Utilitätscharakter und begibt sich in Gebiete hoher Geistigkeit. Der Modernismus in all seinen Verwandlungen setzt in den Mittelpunkt seiner Suche nicht die Glaubensprobleme und nicht die ethnische Frage, sondern die Probleme des Menschen. Pentscho Slaveikov, Pejo Javorov und Dimtscho Debeljanov befassen sich mit Fragen der Existenz und der Metaphysik, die dem menschlichen Wesen eigen sind. Die thematischen und dichterischen Entdeckungen der bulgarischen Symbolisten finden ihren Kontrapunkt und Transformation in der Literatur der 20. und 30. Jahre. Die Gegenstandslyrik von Daltschev, die gutmütigen und wunderlichen Menschen von Jovkov, die begeisterte und tragische Weitsicht der sozialengagierten Hristo Smirnensky und Nikola Wapzarov bestimmen den Weg der bulgarischen Literatur bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Das Erzwingen des kommunistischen Regimes in Bulgarien von 1944 bis 1989 ersetzt beim Erzeugen und Würdigen der Literatur- und Kulturwerke die literarischen mit ideologischen Kriterien. In ihren besten Beispielen und durch ihre talentiertesten Vertreter folgt die bulgarische Literatur trotz der ideologischen Scheuklappen und dem eisernen Vorhang der weiteren Literaturentwicklung und eröffnet neue ästhetische und geistige Horizonte vor dem Leser. Die 60-er und 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts verzeichnen allmählich das Abschütteln der ideologischen Macht und das Auftauchen frischer, origineller Autoren in der Belletristik (Pavel Vezinov, Jordan Raditschkov, Nikolai Haitov, Jordan Valtschev, Vasil Popov) und in der Poesie(Alexander Gerov, Valeri Petrov, Konstantin Pavlov, Ivan Dinkov, Andrei Germanov, Hristo Fotev, Boris Hristov). Ihre Werke geben auf eine neue Art und Weise einen Sinn der Probleme in der Tradition und in der Verwurzelung, sie werfen das Thema über die Duldsamkeit und den Widerstand vor dem Bösen auf, sie experimentieren mit der Sprache und der Stellung, die der Mensch darin einnimmt.
Die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts setzen einen Teil von der bisher beschriebenen Tendenz in der Literatur fort. Über den Menschen und seine Existenz redet man schon mit den Mitteln einer neuer lexikalischen und syntaktischen Provokativität. Indem sie sich am Rande des Sprachenexperiments bewegen, dringen Autoren wie Binjo Ivanov, Nikolai Kantschev, Zlatomir Zlatanov, Viktor Paskov , Ani Ilkova, Miglena Nikoltschina, Stanislav Gradev in metaphysische Räume ein, die sich bis zu diesem Augenblick außerhalb der Literatursuche befanden. Die jüngsten Autoren(Georgi Gospodinov, Plamen Doinov, Dessislava Nedeltscheva, Jordan Evtimov, Silvia Tscholeva, Boiko Pentschev) versetzen die Poesie in eine postmoderne Situation sprachlicher und mentaler Mischungen, sie treiben Parodiespiele mit der Tradition und bewegen sich an der Grenze des möglichen Begriffs. Manche Vertreter in der Prosa(Stephan Kissjov und Zdravka Evtimova) und in der Lyrik(Mirela Ivanova und Kristin Dimitrova) versuchen die Authentie und die Naivität mit der Sentimentalität und der Nostalgie zu verbinden. Ihre Stimmen in der modernen bulgarischen Literatur sind nur ein Zeichen für die Vielfältigkeit der jüngsten Vertreter. Gleichzeitig versuchen auch Autoren der vorhergehenden Generation neue Themen anzusprechen. Der soziale Moralismus und Zynismus in der Belletristik von Hristo Kaltschev, Stephan Zanev, Alexander Tomov beanspruchen einen neuen „Medien“-Realismus, dessen Alltäglichkeit eine vorübergehende Lektüre aus ihren Romanreihen macht, die aber sehr gut von Lesern verschiedener ideologischer und ästhetischer Interessen aufgenommen werden.
Zum Schluss möchte ich darauf hinweisen, dass die bulgarische Literatur
alle geistlichen Bedürfnisse der Bulgaren entspricht, also ist sie erforderlich und eng dadurch- manipulativ.
Manipulativ? Aber positiv manipulativ! Sie erzieht, sie lehrt, sie bildet Persönlichkeiten. Sie hat Wege gefunden, sich in der großen Literatur zu repräsentieren. Trotz ihres marginalen Charakters, aufgrund sprachlicher und geopolitischer Ursachen, verteidigt die bulgarische Literatur aktiv ihre Position als geistlichen Mittelpunkt in unserer Gegenwart, obwohl sie bis jetzt keine gebührende Anerkennung fand, so wie die Literaturen anderer kleinen Völker.




